Florian Zeyfang

Unalike Biographies

Unähnliche Biographien

What I like to hear most from writers is how they shape their everyday lives; I read in their biographies at what time they get up in the morning, sit down at the desk, and when they stop working again that day. This seems to reflect a quiet, meandering stream of production, occasionally interrupted by the rapids of a crisis. These lives, which are also always lived in the same place, draw the ideal of a continuity from which the work is formed always out of the same material. But the contents have to come from somewhere.

How diverse, in contrast, the collected biographies of the artists in this catalogue are. From where should one draw one’s themes as an artist if not from the CVs? All artists, writers, and filmmakers use their own or borrow other biographies—rightfully, because experiences, also borrowed ones, contribute to shaping intensive works. Research is often nothing more than searching for CVs in which one finds like-mindedness.

But, the artists here do not require other vitas for their world of experience. In this northern Swedish art academy, people of various descent have come together, people who have determined their path here on their own; who chose the places and methods of their work themselves. This is succinctly reflected in their works.

And they have already experienced other things, indeed. An attack on their cash transport when working security, what am I saying, two attacks. That’s really a matter of life and death, or so it seems at that moment. The traumatic borderline experience influences life decisions, and now becomes the basis of a reanimation, it wants to be experienced again and communicated.

The biographies make their way to the topographies of expression and give reasons for radical formulations. They seek them in the desert, on plateaus or in the snow, compare the emptiness of a distant region with the landscape surrounding one in northern Scandinavia: forests, timber industry, water, oil, iron, stones.

In those forests, a flashlight searches for signs on the body. Path-finding between above and below, meaning there and here, or was the earth indeed flat? Do the antipodes exist on the other side? The snowflakes drift upwards, into the sky, between the mirrors, something red plays a role. Midvinterblot.

In order to follow these paths one must listen attentively, even where there are no sounds, no indications of acoustic signals. Plants may emit waves in sub-sub-frequencies; the tone can penetrate into the stones; the stones talk back, about their biographies, which are incomprehensible, so old, so distant.

The vita hides in actions and narrative strands that are set in other environments, which produce intermediate figures that on their levels of existence, for example between human and animal (and it does not stop here), formulate general experiences between control on the one side and transgression on the other.

There are so many long routes, winding paths of development—how does one actually get here?—that serve to create memories that can then be formed into dioramas in a sophisticated process. Where-in dreams appear, the reason for which seems to lie in permanent self-assurance—that is probably true of all biographies.

Or, for the production of fine mechanisms, during the course of which one spends most of the time in a workshop, day and night, present and yet most often invisible. Where one also engenders the most radical views, when the issue is to formulate motives (which can also be refused as such). While working, there was time to think about this.

Thinking also while cutting paper, pasting, copying, thinking about the origin of the material, the foundation of the work. Material that was once manufactured here, in Sweden, in the forests surrounding Umeå, and in the factory building that later became home to an art school. A material biography reflects the increasingly long paths of the means of production, the long paths of the producers, the artists, the students.

Coming from the most distant places, from confusing circumstances, and with a suitcase full of turned down ideas, one then stands in front of a foreign background and is confronted with different thoughts on life, art, reality. In this situation, biographies are communicated and compared across languages and media, from here to there. This leads to the clearest wishes, with far-reaching consequences, that is what really digs deep into one’s reserves. And suddenly one simply doesn’t want to go back, but just to depict how one has taken the path that brought one here, a break, and a continuity.

Am liebsten höre ich von den Schriftstellern, wie sie ihren Lebensalltag formen und lese in den Biographien, wann sie morgens aufstehen, sich an den Schreibtisch setzen und wann sie ihre Arbeit am selben Tag wieder beenden. Ein ruhig mäandernder Fluss der Produktion scheint sich da abzubilden, nur bisweilen unterbrochen von den Stromschnellen einer Krise. Diese Leben, die auch am immer selben Ort stattfinden, zeichnen das Wunschbild einer Kontinuität, aus der heraus im immer selben Material die Arbeit geformt wird. Aber irgendwoher müssen die Inhalte kommen.

Wie vielfältig dagegen die versammelten Biographien der Künstler/innen in diesem Katalog sind. Wo soll man als Künstler/in denn auch seine Themen hernehmen, wenn nicht aus den Lebensläufen? Alle Künstler/innen, Schriftsteller, Filmemacher benutzen die eigene und beleihen fremde Biographien, mit gutem Recht, denn Erfahrungen, auch geborgte, formen intensive Arbeiten. Forschung bedeutet oft nichts anderes als die Suche nach CVs, in denen man gleichgesinnte Gedanken findet.

Aber diese Künstler/innen hier brauchen keine anderen Vitas für ihre Erfahrungswelt. In dieser nordschwedischen Kunstakademie haben sich Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammengefunden, die ihren Weg hierher selbst bestimmt haben. Die sich die Orte und Methoden ihrer Auseinandersetzung selbst wählen. In prägnanter Art und Weise bildet sich das in ihren Arbeiten ab.

Die haben schon anderes erlebt. Einen Überfall auf ihren Geldtransport, was sage ich, zwei Überfälle. Da geht´s dann tatsächlich um Leben und Tod, oder so scheint´s einem in dem Moment. Die traumatische Grenzerfahrung prägt Lebensentscheidungen, wird dann zur Grundlage einer Reanimation, will wiedererlebt und mitgeteilt werden.

Die Biographien bahnen sich einen Weg in die Topographien des Ausdrucks und begründen radikale Formulierungen. Sie suchen sie in der Wüste, auf der Hochebene oder im Schnee, vergleichen die Leere einer Gegend weit entfernt mit der Landschaft, die eine/n in Nordskandinavien umgibt: Wälder, Holzindustrie, Wasser, Öl, Eisen, Steine.

In jenen Wäldern sucht eine Taschenlampe nach Zeichen auf den Körpern. Wegweisend zwischen oben und unten, dort und hier, war die Erde doch flach? Gibt es die Antipoden auf der anderen Seite? Die Schneeflocken fliegt aufwärts, in den Himmel hinein, zwischen den Spiegeln hindurch, etwas Rotes spielt eine Rolle. Midvinterblot.

Um diesen Wegen folgen zu können muss man genau hinhören, auch da wo man keine Töne, keine Hinweise auf akustische Signale vermutet. Pflanzen mögen Wellen in Sub-Sub-Frequenzen emittieren; der Ton kann bis in die Steine hinein gehen; die Steine sprechen zurück, über ihre Biographie, die nicht fassbar ist, so alt, so weit.

Die Vita versteckt sich in Handlungen und Erzählsträngen, die in anderen Umgebungen spielen, die Zwischengestalten hervor bringen, welche in ihren Existenzebenen, beispielsweise zwischen Mensch und Tier (und es hört da nicht auf) allgemeingültige Erfahrungen zwischen Kontrolle einerseits und Entgrenzung andererseits formulieren.

Es gibt da noch so viele lange Reisewege, gewundene Entwicklungspfade – wie kommt man eigentlich hierher? – die dazu dienen, Erinnerungen zu erzeugen, die dann in einem aufwändigen Prozess zu Dioramen geformt werden können. Worin Träume auftauchen, deren Grund in permanenter Selbstvergewisserung zu bestehen scheint – das gilt wohl für alle Biographien.

Oder auch für die Verfertigung feiner Mechaniken, während derer man die meiste Zeit in einer Werkstatt zubringt, Tag oder Nacht, präsent und doch am ehesten unsichtbar. Wo man auch die radikalsten Ansichten hervorbringt, wenn es an die Formulierung von Beweggründen geht (die als solche ja auch verweigert werden können). Über dem Arbeiten gibt es die Zeit, darüber nachzudenken.

Nachdenken auch beim Zerschneiden von Papieren, beim Kleben, Kopieren, nachdenken über die Herkunft des Materials, das die Basis der Arbeit ist. Material, das ehemals hier hergestellt wurde, in Schweden, in den Wäldern um Umeå und in der Fabrik, in deren Gebäude später die Kunstschule untergebracht war. Eine Materialbiographie reflektiert die inzwischen langen Wege der Produktionsmittel, die langen Wege der Produzierenden, der Künstler/innen, der Studierenden.

Von den Orten am weitesten entfernt kommend, aus verwirrenden Umständen heraus und mit einem Gepäck von verworfenen Ideen steht man dann vor einem fremden Hintergrund und wird konfrontiert mit verschiedenen Gedanken zu Leben, zu Kunst, zu Wirklichkeit. In dieser Situation werden Lebensläufe über Sprachen und Medien hinweg kommuniziert und verglichen, von hier nach dort. Daraus bilden sich die klarsten Wünsche, mit weitreichenden Konsequenzen, das geht dann wirklich ans Eingemachte. Und plötzlich will man dann einfach nicht mehr zurück, sondern nur abbilden, wie man den Weg nahm, der einen hierher brachte, einen Bruch, und eine Kontinuität.

Biography

Florian Zeyfang is an artist and Professor for Time Based Media at Umeå Academy of Fine Arts. He resides in Berlin.